„Ich würde jedem empfehlen, für neue Themen offen zu sein“ – Interview mit Annette Theißen

Ich freue mich sehr, heute das Interview mit Annette Theißen veröffentlichen zu können. Denn es zeigt,  inwieweit es möglich ist, zwischen verschiedenen Schwerpunkten zu wechseln. Annette Theißen ist Freiberuflerin und führt bei Unternehmen verschiedenster Branchen das ERP-System Microsoft Dynamics AX ein. 

Gerade diese Kombination finde ich sehr spannend und zeigt, welch vielfältige Möglichkeiten Dir nach dem Physikstudium offen stehen, falls Du daran überlegst Physik zu studieren oder Dich schon im Studium befindest und überlegst, wie es nach dem Studium weitergehen kann.

Vielen Dank an Frau Theißen, dass sie uns diesen Einblick ermöglicht und zeigt, wie ihr Karriereweg aussieht, sowie wertvolle Tipps dazu gibt!

Interview mit Annette Theißen

 

Wo und mit welchem Schwerpunkt haben Sie Physik studiert?

Ich habe in Aachen an der RWTH studiert. Im physikalischen Fach hatte ich als Schwerpunkt Festkörperphysik gewählt und im nichtphysikalischen Nebenfach „Betriebssysteme und Intern-Programmierung“.

Meine Diplomarbeit habe ich in optischer Messtechnik gemacht. Zusammen mit dem nicht-physikalischen Nebenfach  kam so auch der Einstieg in die IT-Welt. Die Diplomarbeit umfasste in etwa 50% Physik: Grundlagen verstehen, den Versuchsaufbau konzipieren, bauen, messen usw. und 50%, wie man die gemessenen Daten auswertet. Dazu nutzten wir eine Software, die in dem Institut selbst geschrieben worden war.  Diese Software habe ich dann auch weiterentwickelt.

Worum ging es genau in der Diplomarbeit?

Es ging um das Messen von spiegelnden Oberflächen, die einen vergleichsweise hohen Hub (hoher „Peak-to-Valley“-Wert) haben, mithilfe eines Laserinterferometers und sogenannten Computer-generierten Hologrammen („CGHs“).

Wenn man Interferometrie betreibt, hat man einen relativ geringen Eindeutigkeitsbereich aufgrund der kleinen Wellenlänge. Bei großen Abweichungen zwischen Messobjekt und Referenzwelle kommt es dadurch schnell zu großen Streifendichten, die man nicht mehr auflösen kann. Es gibt verschiedene Herangehensweisen, wie man den Eindeutigkeitsbereich erweitern und so die Dichte der Interferenzstreifen herabsetzen kann.

Eine Möglichkeit ist eben mit Hilfe von Computer-generierten Hologrammen. Dabei simuliert man zunächst im Rechner den Strahlengang für ein Interferometer, in dem ein perfektes Messobjekt eingebaut ist. Man „druckt“ das ermittelte Interferenzbild aus und integriert es  in den Versuchsaufbau. Dadurch verändert sich die tatsächliche Abbildung, das Interferenzbild wird deutlich niederfrequenter und durch seine Auswertung kann die Abweichung zwischen der simulierten und der tatsächlichen Oberfläche bestimmt werden.

Haben Sie während Ihres Studiums einen Auslandsaufenthalt oder ein Praktikum gemacht?

Nein, aber ich hatte einen „Hiwi-Job“ außerhalb der Physik an einem Maschinenbau-Institut.

Was haben Sie da gemacht?

Ich habe eine CNC-Maschine bedient, die passenderweise die Spiegel herstellte, die ich dann später in meiner Diplomarbeit gemessen habe. Das ergab sich dadurch, dass mein HiWi-Job an einem Fraunhofer-Institut war, das einerseits eine Maschinenbauabteilung hatte, die an der Herstellung von solchen hochpräzisen Spiegel gearbeitet und geforscht hat, und andererseits eine Messtechnik-Abteilung, die einen Physikstudenten suchte, der die Messtechnik weiter betreuen und ausbauen sollte. So kam die Verbindung zustande.

Der HiWi-Job umfasste hauptsächlich die Bedienung der Maschine. Durch die Präzision, mit der diese Spiegel gefertigt werden, war das nicht ganz so einfach wie es sich vielleicht zuerst anhört. Für mich war das auf jeden Fall etwas ganz anderes als das Studium, und es hat mir sehr viel gebracht.

Die Tätigkeit an einem Fraunhofer-Institut und mit Ingenieuren waren eine gute Vorbereitung auf die Arbeitswelt außerhalb der Universität. Zum Beispiel  werden Ingenieure mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein ausgebildet als Physiker. Ich habe es jedenfalls immer so empfunden, dass man als Physiker lernt, dass man zunächst einmal nichts weiß: Man bekommt im Studium eine Art „Ehrfurcht“ – vielleicht sogar Demut – vor der Natur vermittelt. Als Ingenieur lernt man hingegen, dass man alles weiß und alles kann. Darüber stolpere ich auch heute immer mal wieder. Ich gehe eher davon aus, dass ich etwas nicht sicher weiß und stelle Dinge erst einmal in Frage. Da ist es sehr hilfreich gewesen, die Einstellung anderer Ausbildungen oder Berufszweige zu sehen. So kann man sich frühzeitig darauf einstellen, dass es Missverständnisse oder sogar Konflikte geben kann.

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Wie sah dann Ihr Berufseinstieg nach dem Diplom aus?

Ich hatte durch die Diplomarbeit mit dem vergleichsweise starken Software-Entwicklungscharakter gemerkt, dass mir das sehr liegt, und beschloss daher, mit dem Thema weiterzumachen. Ich habe dann 3 Jahre in der Medizinforschung in der Industrie gearbeitet. Das Gemeinsame war die Auswertung von Messdaten in C unter Unix. Nur waren es diesmal medizinische Daten aus EEG (Elektro-Enzephalogramm)-Messungen in Kombination mit Daten aus bildgebenden Verfahren aus Kernspinmessungen. Inhaltlich war das ein großer Themenwechsel, aber das Handwerkszeug war das gleiche.

Nach dem Studium war ich also erst mal noch in der Forschung. Dann wollte ich mich aber mehr in Richtung Objektorientierung und in die „Microsoft-Welt“ orientieren, die damals anfing, stärker zu werden. 1998 war die Jobsituation nicht so einfach. Ich habe mich dann relativ breit beworben und bei einer kleinen Firma angefangen, die Software für Gebäudeautomatisierung herstellt. Das Gemeinsame war wieder die Softwareentwicklung.

Inhaltlich war es wieder etwas ganz anderes als vorher. Zuerst habe ich mich mit der Qualitätssicherung von Software und später mit Softwareentwicklung beschäftigt. Ich war zwar nur zwei Jahre dort, aber ich habe viel gelernt – und wie ich denke auch einiges geschafft und bewegt.

Ich hatte dann noch einen kurzen Stopp in einer Unternehmensberatung, als Softwareentwickler in der Versicherungsbranche.

Software-Entwicklung war damit nach dem Studium sozusagen für mich „gesetzt“.

Vor 15 Jahren bin ich dann zufällig zu dem Thema gekommen, mit dem ich mich seither hauptsächlich beschäftige. Bestimmt sagt Ihnen SAP etwas. SAP ist ein sogenanntes ERP-System; die Abkürzung steht für „Enterprise Resource Planning“ und es geht darum, die Betriebsabläufe in Unternehmen abzubilden.  SAP sage ich nicht, weil ich mit SAP arbeite, sondern weil außerhalb der Branche wenige das Konkurrenz-Produkt von Microsoft kennen, mit dem ich wiederum arbeite.

Ich habe auf Kundenseite angefangen mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Mein neuer Arbeitgeber war gerade dabei, diese Software einführen, und hat jemanden gesucht, der sich um das Einführungsprojekt kümmert, sich mit Softwareentwicklung auskennt, die Dinge analytisch angeht und Zusammenhänge verstehen kann.

Die ganze Aufgabenstellung fand und finde ich total spannend. Die einzelnen Schritte im Betriebsablaufsind oft banal und beinhalten keine schwierigen Rechnungen, Algorithmen oder Gleichungen. Die großen Zusammenhänge sorgen für die Komplexität. Was gibt man in den Prozess hinein und was kommt dann am Ende dabei heraus? Wie kann man Abläufe für den Anwender einfacher aber sachlich trotzdem korrekt abbilden? Die Schwierigkeit kommt dann daher, dass man alles unter einen Hut bekommen muss – gleichzeitig aber eine flexible und wartbare Software entstehen soll.

5 Jahre habe ich mich auf Kundenseite um diese Software gekümmert und habe dann auf die Dienstleister-Seite gewechselt, wo man diese Software bei verschiedenen Kunden implementiert und anpasst. Das mache ich seit 11 Jahren und bin seit knapp 2 Jahren selbstständig in dieser Welt unterwegs.

Das ist mein beruflicher Werdegang bis heute. Irgendwann ist dann insofern etwas „Stabilität“ eingetreten als dass ich mich konstant mit Softwareentwicklung und diesem speziellen ERP-System auseinandersetze. Die Varianz kommt durch unterschiedliche Kunden aus verschiedensten Branchen, zum Beispiel aus dem Finanzdienstleistungssektor, dem Groß- und Einzelhandel, der Fertigung oder dem Maschinenbau.

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Warum haben Sie sich selbstständig gemacht?

Meine Erfahrung ist, dass ich mit meinen Kunden – also denjenigen, die die Software wirklich einsetzen und Hilfe bei der Einführung, der Analyse und dem Design brauchen – gut auskomme, mich sehr schnell inhaltlich mit ihnen abstimmen und einigen kann. Außerdem verstehe ich schnell, was die Ziele meiner Kunden sind, und kann gut gemeinsam mit ihnen an diesen Zielen arbeiten.

In den 9 Jahren, die ich für Dienstleistungsfirmen gearbeitet habe, hat jedoch immer mehr abgenommen, wieviel mein Arbeitgeber und mein Arbeitsumfeld mir dabei helfen konnten, die Kunden zufrieden zu stellen. Am Anfang hatte ich in einem großartigen Team gearbeitet, wo wir zusammen viel bewegen konnten. Aber das ist dann leider immer weniger geworden.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich die Ziele meiner Arbeitsgeber und die Ziele meiner Kunden nicht unter einen Hut bekommen konnte bzw. bekommen wollte. Teilweise geht es nur noch darum, möglichst viel Umsatz in einem Projekt zu machen, egal ob es dem Kunden hilft, und das möglichst so, dass der Kunde es nicht merkt. Das passt einfach nicht zu mir.

Natürlich möchte ich auch Geld verdienen. Natürlich möchte ich auch so viel Geld verdienen, dass ich später eine vernünftige Rente erhalte. Aber ich glaube schon, dass man das übertreiben kann.

Dazu muss man wissen, dass der Markt derzeit relativ günstig für die Dienstleister ist, weil es vergleichsweise wenige Experten gibt, die sich mit diesem Thema beschäftigen, es andererseits aber sehr nachgefragt ist. Aber man muss das als Anbieter ja nicht beliebig ausnutzen.

Meine Werte passten also nicht mehr mit denen meiner Arbeitgeber zusammen. Vielleicht ist das auch normal, weil das Unternehmen zu weit weg vom Kunden ist. Ich hatte ein paar Arbeitgeber-Wechsel hinter mir, aber eigentlich wurde es immer schlechter. Irgendwann habe ich daraus gefolgert, dass kein Arbeitgeber meinen Wertvorstellungen entspricht bzw. die Wahrscheinlichkeit zu gering ist, dass ich einen solchen finde.

Als Selbständige muss ich keinem Arbeitgeber mehr erklären, warum ich etwas so und nicht anders mache, was er sowieso nicht verstehen kann, weil er sich nicht mit meinem Arbeitsthema auskennt. Ich muss mich nicht mehr rechtfertigen, warum ich etwas vielleicht nur zu 80% und nicht zu 95%  fakturiert (dem Kunden in Rechnung gestellt) habe. Ich habe keine unsinnigen Anforderungen mehr, damit ich Umsatz mache, oder werde auf ein Thema angesetzt, bei dem ich dem Kunden gar nicht helfen kann.

Ich habe zudem den Luxus, dass ich in einem Bereich arbeite, wo sich derzeit vergleichsweise einfach Auftraggeber finden lassen. Das hat natürlich den Schritt, selbstständig zu werden, sehr vereinfacht.

Hatten Sie Unterstützung bei dem Start in die Selbstständigkeit? Ich meine, woher wussten Sie, wie man einen Businessplan schreibt, wie man ein eigenes Unternehmen gründet etc?

Ich habe mir natürlich einen Steuerberater gesucht, um auf der sicheren Seite zu sein. Zudem habe ich im Vergleich zu vielen, die sich selbstständig machen, den großen Vorteil, dass ich mich ja beruflich schon damit beschäftige, wie man Abläufe organisiert, was beispielsweise die üblichen Buchhaltungsabläufe sind,  wie man kalkuliert usw., und dass mir diese organisatorischen Themen sogar auch noch Spaß machen.

Ich berate mich bei solchen Dingen also quasi selber. Es war auch interessant, das mal komplett frei für sich selber zu überlegen, wenn auch nur im ganz Kleinen – ich bin ja nur ein Ein-Mann-Unternehmen.

Ansonsten ist Freiberufler werden wirklich nicht schwer. Sobald Sie die richtigen Steuernummern haben, und gelernt haben, wie eine Rechnung aussehen muss und wann Sie die Umsatzsteuermeldung machen müssen, haben Sie das meiste schon erledigt.  Das kann ich natürlich jetzt einfach behaupten, weil ich es hinter mir habe. Man darf das aber bitte auch nicht zu naiv angehen.

Haben Sie Tipps für das Studium, den Berufseinstieg oder zum Netzwerken?

Ich würde jedem empfehlen, für neue Themen offen zu sein und Dinge auszuprobieren, die vielleicht zunächst nicht nahe liegen. Sei es, als Physiker einen HiWi-Job an einem Maschinenbauinstitut anzutreten, oder einen Job in einer Branche anzunehmen, die man nicht kennt. Man muss nicht davon ausgehen, dass man nach der Diplomarbeit oder der Promotion auf ein Thema ein für alle Mal festgelegt ist.

Man darf und sollte also immer wieder Neues ausprobieren. Sich in ein neues Thema einarbeiten, hält ja auch fit. Ich glaube, dass gerade das eine Gabe vieler Physiker ist. Mein Tipp ist also, dass man sich nicht zu früh auf ein Thema festlegen sollte.

Mein anderer Tipp ist, sich einen HiWi-Job zu suchen, um über den Tellerrand zu schauen. Bei mir war das nicht bewusst geplant, aber wenn ich jetzt mit Leuten zu tun habe, die frisch von der Uni kommen, merke ich dass sie teilweise unglaublich naiv mit anderen reden oder E-Mails formulieren. Das sind Dinge, die ich in meinem HiWi-Job nebenbei – und eben nicht in Vorlesungen – gelernt habe. Deshalb empfehle ich jedem, sich einen HiWi-Job zu suchen, der etwas anders ist als das, was man schon im Studium macht.

Als ich vor 25 Jahren angefangen habe zu studieren, war ich in meiner Zeiteinteilung sehr, sehr frei und flexibel und hatte Zeit einen HiWi-Job nebenbei zu machen. Ich habe auch eine Zeit lang in einem Theater und als Nachhilfelehrerin gearbeitet, um Geld zu verdienen. Ich habe von meinem Mann, der Professor an einer FH ist, gehört, dass das mit dem heutigen sehr festgelegten und zeitoptimierten Studium teilweise nicht mehr so einfach zu organisieren ist. Ich denke aber, man sollte trotzdem als Student eine gewisse Vielfältigkeit anstreben. Zu diesem frühen Zeitpunkt ist es noch viel einfacher sich breit aufzustellen, als später im Beruf.

 

Vielen Dank für das Interview, die Einblicke, die Sie uns in Ihr Arbeitsleben ermöglicht haben, und die Tipps für das Studium und den Berufseinstieg.

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