Von der Brennstoffzellentechnik über internes Consulting zur Teilprojektleitung Software – Interview mit Agnes Baumgärtner

Ich freue mich sehr, heute schon das nächste Interview mit Agnes Baumgärtner veröffentlichen zu können. Agnes Baumgärtner arbeitet bei Siemens und ihr Karriereweg zeigt, wie viele Möglichkeiten in verschiedenen Industriebereichen einem nach dem Physikstudium offen stehen.

Falls Du also überlegst, wie es nach dem Studium weitergehen kann oder soll, bekommst Du hier ganz viel Inspiration und Tipps zum Berufseinstieg.

Vielen Dank an Agnes! Sie war die Erste, die sich bei mir als freiwillige Interviewpartnerin gemeldet hatte und sofort bereit war, meine Idee zu unterstützen, sowie direkt auch den Kontakt zu einer weiteren Interviewpartnerin hergestellt hat.

Interview mit Agnes Baumgärtner

Wo und mit welchem Schwerpunkt hast Du Physik studiert? Hast Du währenddessen einen Auslandsaufenthalt oder ein Praktikum gemacht?

Ich habe in Bayreuth Physik studiert und zwar habe ich mich für Technische Physik entschieden, weil ich näher an der Anwendung sein wollte. Nachdem ich dann gemerkt habe, dass der Studiengang stiefmütterlich konzipiert ist und ich mit der Theorie sehr viel Spaß hatte, bin ich nach dem Vordiplom in die normale Physik gewechselt.

Gab es in der Technischen Physik einen größeren Bezug zur Industrie?

Im Studienplan war gar nichts mit Industrie dabei. Das war am Anfang meine Hoffnung gewesen, aber das hat sich da gar nicht wiedergefunden. Ein paar Nebenfächer waren vorbelegt, aber ich meine, man muss ja nicht nur das machen, was in seinem Studienplan steht.

Ich war bei Siemens im Yolante-Mentoring-Programm. Yolante steht für Young Ladies Network of Technology. Das ist ein Mentoring-Programm, um junge Frauen während des Studiums zu unterstützen und natürlich auch ans Unternehmen zu binden.

Ich hab meine Mentorin darauf angesprochen, dass ich sehr gerne ein Praktikum machen wollte und zwar auch sehr gerne bei ihr in der Abteilung. Sie hat im Mechatronik Support gearbeitet und Instabilitäten von Maschinen analysiert und die Regelung entsprechend ausgelegt. Super spannendes Thema! Dort hab ich dann auch in Erlangen ein Praktikum gemacht. Das hat sich sogar noch verlängert, weil sich Anschlussarbeiten gefunden haben. Ich war noch ein halbes Jahr lang Werkstudentin.

Zusätzlich wollte ich noch einen Auslandsaufenthalt machen, nachdem ich nach dem 6. Semester schon alle Studienleistungen für das Diplom in der Tasche hatte. Scheinfrei nannte sich das bei uns. Ich dachte mir, wenn ich ins Ausland will, dann kann ich ja noch mal ein Praktikum machen und hab bei Siemens in Mexiko im Elektromotorenwerk Arbeitsprozesse analysiert und verbessert. Also einmal in der Motorenentwicklung selber und dann vor allem an der Schnittstelle zur Fertigung.

Was hast Du genau gemacht? Kannst du ein Beispiel für ein Projekt geben?

Das eine Projektdrehte sich um den Arbeitsablauf von  Spezialmotoren. Es gab einmal den Standardmotor, sozusagen aus dem Regal. Den hat der Kunde bestellt und dann wurde geliefert. Andererseits gab es die Sonderaufträge, die sich durch z.B. eine andere Isolierung oder eine andere Leistungsklasse vom Standardmotor unterschieden. Die haben immer ewig gedauert. Also die Liefertreue war schlecht. Deshalb gab es ein großes Liefertreue-Projekt über alle Bereiche und ich habe  innerhalb der Technischen Abteilung die Arbeitsprozesse unter die Lupe genommen. Teilweise gingen die Aufträge mit 3 Schleifen durch die Abteilungen.  Am Ende haben wir die ein oder andere Schleife rausgenommen und einen verbesserten Prozess implementiert.

Das andere Projekt betraf die Schnittstelle zur Produktion. Das Problem an der Sache war: Es gab einen Mini-Laufzettel für den Sondermotor, im A6-Format. Der Schichtleiter hat immer am Anfang der Schicht die ganzen Daten draufgeschrieben. Aber es gab leider nicht genügend Felder. Dann stand die Information  einmal hier und einmal dort und wurde von den anderen Mitarbeitern dann nicht gefunden. Aus diesem Grund hatten viele Sondermotoren bei Auslieferung falsche Merkmale. Deshalb haben wir ein deutlich größeres Formular designt, auf dem jede Information seinen speziellen Platz hat. Das war ein iterativer Prozess. Durch mehrere Prüfschleifen und der Analyse der alten Laufzettel wurde sichergestellt, dass alle erforderlichen Felder in der erforderlichen Größe vorhanden waren. Das Endergebnis war, dass direkt oben im Engineering am PC schön maschinengeschrieben die Laufzettel ausgefüllt wurden und unten in der Fertigung nur noch ausgedruckt werden mussten. Es waren so also Schreib- und Übertragungsfehler ausgeschlossen.

Das war mein Auslandspraktikum. Dass es in Mexiko im Winter sehr schön ist, versteht sich von selber. Dort habe ich auch einige Freundinnen kennengelernt, mit denen ich jetzt noch Kontakt habe. Neun Jahre später. So ein gemeinsamer Auslandsaufenthalt schweißt halt auch zusammen.

Hattest Du einen Schwerpunkt im Studium?

Einen richtigen Schwerpunkt hab ich im Hauptstudium in der Physik nicht gehabt. Durch die Grundlagenvorlesungen Experimentalphysik 1-7 und theoretische Physik 1-7 war sehr viel vorbelegt. Man konnte die Nebenfächer wählen. Ich habe bei den physikalischen Nebenfächern Halbleiter und Messmethoden gewählt und bei den nichtphysikalischen Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Ich bin der Meinung, dass sich auch Physiker und andere Techniker mit den Kaufleuten zumindest unterhalten können sollten.

Im Moment bin ich im Projektmanagement und da hilft Grundwissen in BWL und Recht ungemein. Rückblickend  bin ich sehr glücklich mit der Wahl.

Wo hast Du dann deine Diplomarbeit gemacht?

Am Lehrstuhl für nichtlineare Dynamik. Das Thema war „Strukturbildung von magnetischem Granulat“. Die erste Aufgabe bestand darin einen neuen Teststand aufzubauen. Magnetische Partikel auf der Wasseroberfläche wurden mit einem Wechselfeld zum Schwingen angeregt. Die resultierende Wellenlänge ist abhängig von der Frequenz. Mit Hilfe von runden Strukturen, einer Art Kanäle wurden stationären Muster erzeugt. Dadurch war die Auswertung deutlich vereinfacht. Ausgewertet habe ich die Strukturen  durch Kamerabilder, über Mustererkennung am PC. Die Auswertesoftware sowie die Steuerungssoftware habe ich selbst geschrieben.

Das bringt mich gleich zu einem der ersten Tipps: Programmierkenntnisse sind sehr hilfreich in der Physik. Sowohl bei der Diplomarbeit als auch bei allen Projekten, die ich bisher gemacht habe, hat es sehr geholfen, dass ich mich mit Programmierung auskenne.

Worin hast Du programmiert?

Alles Mögliche: In Java habe ich auch eine Übung gegeben. Mein Teststand wurde mit TCL angesteuert. Die Auswertesoftware war C++. Bei meinem ersten Job bei Siemens wurden Brennstoffzellentests gemacht  und dieser Teststand wurde mit LabView gesteuert. Danach habe ich Steuerungs- und Reglungssoftware für Walzwerke entwickelt, einmal in der Basisautomatisierung mit CFC, eine grafische Programmiersprache, die auf der Industriesteuerung läuft. Die überlagerte Regelung war wieder in C++ geschrieben.

 

Wo arbeitest Du jetzt und wie bist Du dahin gekommen?

Nach dem Diplom habe ich mich ziemlich breit beworben. Mit ein Grund für die Wahl des Physikstudiums war, dass Physik die Grundlage für sehr viele Dinge legt, aber eben nicht festgelegt.

Am Ende des Siemens Yolante Mentoring Programmes sind Gespräche mit der Personalabteilung vorgesehen. Ich wurde von der Personalerin gefragt, was ich mir vorstellen könnte und was ich machen möchte. Da waren unterschiedlich Dinge dabei, unter anderem  Forschung und Entwicklung. Deshalb hat sie meinen Lebenslauf an die Forschungsabteilung geschickt und von denen wurde ich dann zum Kennenlerngespräch eingeladen.

Das war eine super Situation. Der Abteilungsleiter sowie mehrere seiner Gruppenleiter hatten sich Zeit genommen. Jeder hat mir von seinem Forschungsbereich erzählt. Am Ende hatte ich die Wahl.  Ich habe mich damals für Brennstoffzellen entschieden. Auch mit dem Hinblick auf die Rückrichtung, also Elektrolysezellen zur Energiespeicherung inkl. Power-to-gas Technologie.

Und jetzt?

Nach den Brennstoffzellen ging es zu den Walzwerken. Danach habe ich ins interne Consulting von Siemens gewechselt. Und mit der dort erworbenen Expertise habe ich eine Teilprojektleitung in der Kundeneinheit übernommen. Es geht um den Rhein-Ruhr-Express: 83 Doppelstockzüge sowie 32 Jahre Service. Mein Teilbereich ist die Software, im Zug und auf der Landseite. Es ist der Wahnsinn, an welchen Stellen inzwischen überall Software eingesetzt wird und wie komplex die IT-Systeme sind.

Ich stelle sicher, dass die Software-Teile an den Schnittstellen zusammen passen und dass die Use-Cases End-to-End funktionieren. Das Projekt ist Business-Unit-übergreifend und es sind hunderte Software-Entwickler beteiligt. Die einen arbeiten klassisch nach dem Wasserfall-Modell und die anderen agile nach Scrum. Da prallen Welten aufeinander. Das ist sehr spannend, technisch wie menschlich.

An Deinem aktuellen Beruf, was findest Du besonders toll oder spannend?

Es ist sehr sehr spannend, an vorderster Front mit dabei zu sein. Meine Position wurde neu geschaffen und erstmals mit mir besetzt. Da gibt es natürlich viel zu verbessern. Zum Beispiel zu analysieren, woran es hängt und was helfen würde, und dann auch zu sehen, wie die Geschwindigkeit im Projekt anzieht. Früher bestanden Züge hauptsächlich aus Metall. Jetzt ist aber auch viel IT verbaut.

Weiterhin ist es einfach toll, dass ich so viel des in der Vergangenheit Erlernten anwenden kann. Ich war von Anfang an nicht die Neue sondern die geschätzte Expertin, die Dinge vorantreibt.

Hast Du weitere Tipps?

Was mir beim Berufseinstieg sehr geholfen hat, war, dass ich durch das DPG Mentoring-Programm eine Mentorin zur Seite stehen hatte. Unter anderem weiß man beim Lesen von Stellenausschreibungen oft nicht, um was es da wirklich geht. Und da hilft es ungemein weiter, jemanden zu haben, den man fragen kann. Und der einem dass mit seiner Erfahrung dann einem noch mal erklärt, was ist das denn genau und wie muss man sich einen Tagesablauf vorstellen.

Für den Berufseinstieg und für jeden weiteren Karriereschritt kann ich empfehlen, Netzwerke zu nutzen oder sich für ein Mentoring-Programm zu bewerben. Das hat mir auf jeden Fall sehr viel geholfen.

Du hattest ja quasi zwei Mentoring-Programme.

Genau, ich hatte bei Siemens eins, wobei meine Mentorin während meiner Studienzeit das Unternehmen verlassen hat. Sie ist Professorin an der FH geworden, unter anderem auch, weil sie mit 2 Kindern sich den Tagesablauf lieber selber einteilen wollte als im Projektgeschäft gebunden zu sein.

Aber am Anfang hat sie Dich sehr gut unterstützt.

Ja, genau. Bei der Auswahl der Nebenfächer und auch als es um das Auslandspraktikum ging. Als es um den Berufseinstieg ging, war sie nicht mehr da. Sie hatte die Aufgabe einem Kollegen übergeben, mit dem hat es aber nicht so gut gepasst wie vorher. Glücklicherweise ging gerade das DPG-Mentoring-Programm mit dem ersten Jahrgang los und dann habe ich mich da beworben.

Fällt Dir noch etwas ein, was Du uns mitgeben möchtest?

Ich finde Physik immer noch total vielfältig. Wenn man sich meinen Lebenslauf anschaut: Brennstoffzelle, dann Steuerungs- und Regelungsentwicklung für Walzwerke, internes Consulting und jetzt Teilprojektleitung Software in einem Zugprojekt. Das sind komplett unterschiedliche Baustellen und sie haben aber alle sehr gut gepasst. Also die Hoffnung darauf viele, viele Möglichkeiten zu haben, hat sich bewahrheitet.

Und ich merke auch im beruflichen Umfeld, dass Physiker für ihre Zielorientierung und Analysefähigkeit sehr geschätzt werden. Also von dem her, kann ich nur jedem raten, dem das Fach liegt, es auch wirklich zu studieren. Physiker werden in der Industrie sehr geschätzt und eben auch in Bereichen wie zum Beispiel Consulting, Marketing und technische Projektleitung.

Vielen Dank für Dein tolles Interview, die Einblicke, die Du uns gegeben hast, und Deine Tipps zum Berufseinstieg.

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