„Was mir immer weitergeholfen hat, ist die Lust auf etwas Neues.“ – Interview Dr. Silke Bargstädt-Franke

Ich freue mich das zweite Interview meiner Interview-Reihe mit Dr. Silke Bargstädt-Franke veröffentlichen zu können. Dr. Silke Bargstädt-Franke ist Vizepräsidentin bei Giesecke & Devrient und somit viel beschäftigt. Umso mehr freut es mich, dass sie sich die Zeit für das Interview genommen hat und uns Einblicke in ihr Berufsleben und ihre Karriere ermöglicht.

Mit dieser Interview-Reihe möchte ich zur Sichtbarkeit von Physikerinnen beitragen und so die Vielfalt von Lebens- und Karrierewegen aufzeigen. Damit kannst Du Dich inspirieren lassen und informieren, welche Möglichkeiten Dir mit bzw. nach einem Physikstudium offen stehen.

Interview mit Dr. Silke Bargstädt-Franke

Wo und mit welchen Schwerpunkten hast Du Physik studiert?

Ich habe in Hamburg Physik studiert und bin klassisch mit Mathe und Physik Leistungskurs eingestiegen. Ich wollte ursprünglich Metrologie studieren und habe mich dann vor dem Studium ein bisschen erkundigt. Dabei habe ich von etlichen Seiten gehört „Oh, das ist ja faktisch wie ein Physikdiplom. Mach doch gleich Physik. Damit bist du breiter aufgestellt.“ Da habe ich gedacht „Aha, das nehme ich mir zu Herzen und mache gleich Physik.“ Und habe dann, ehrlich gesagt, die Metrologie auch ziemlich schnell hinten liegen lassen, weil da doch sehr viel Thermodynamik dabei war und irgendwie ich doch festgestellt habe, dass Thermodynamik ok ist, aber nur Thermodynamik war einfach nicht das, worauf ich meinen Schwerpunkt legen wollte.

Bei uns war es eher üblich, weil das ja noch in den 90ern gewesen ist, physikalische Nebenfächer zu wählen. Ich habe im Vordiplom Geophysik gemacht, ansonsten ist das Studium relativ durchgetaktet gewesen. Im Hauptstudium habe ich noch Biophysik als Nebenfach gewählt. Ich hab mich dann aber relativ schnell in der angewandten Physik, also Elektronik, Halbleiterphysik und Oberflächenphysik spezialisiert und meine Diplomarbeit auch am Institut für Angewandte Physik in Hamburg in der Arbeitsgruppe Halbleiterphysik durchgeführt. Dort habe ich mich mit Photoreflexions- und Photolumineszenzspektroskopie an Galliumarsenid- und Aluminium-Galliumarsenid-Heterostrukturen beschäftigt. Also diese hübschen 3,5-Halbleiter mit der definierten Bandstruktur, bei denen man wunderbare Strukturen mit Quanteneffekten herstellen kann. Dieser 3,5-Halbleiter wird als das ewige Material der Zukunft bezeichnet. In CD-Spielern und Lasern hat man sie sehr stark eingesetzt, aber es gab nie diesen materiellen Durchbruch, wie man dachte.

Das Experimentieren in der Diplomarbeit – ich war ja noch im Diplomstudiengang unterwegs – hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich hab anschließend gesagt „Das ist mir noch nicht genug gewesen. Ich setz noch eine Promotion drauf“. Gar nicht wegen dem Titel, sondern mit dem Ziel noch weiter zu forschen. Ich hatte dann auch die Möglichkeit in einer Nachbargruppe im Institut, wo ein neuer Professor berufen wurde, eine Molekularstrahlepitaxie-Anlage aufzubauen und im Rahmen eines Graduiertenkollegs zu promovieren. Das war eine spannende Zeit.

Ich habe eigentlich immer während des gesamten Studiums gearbeitet. Zuerst am DESY als Werkstudentin in der PR-Abteilung, auch in der Konferenzbetreuung, und nach dem Vordiplom als Tutorin und in der Praktikumsbetreuung. Ich habe das auch als Lehrbeauftragte während der Promotion weiter gemacht. Ich habe kein Industriepraktikum gemacht. Das war früher auch nicht üblich.

Die Lehrtätigkeit hat mir sehr Spaß gemacht, weil das eben den Bezug zu den jüngeren Studierenden hergestellt hat bzw. ich habe auch eine Zeit lang das Medizinerpraktikum betreut. Das war eine ganz andere Welt, in der man dort aktiv war.

Einen Auslandsaufenthalt habe ich nicht ins Studium eingebaut. Das wurde in den 90er Jahren auch noch nicht so forciert. Ich hatte versucht mit meinem Stipendium ins Ausland zu gehen, aber das hat aus organisatorischen Gründen leider nicht geklappt.

Ich habe relativ schnell studiert, war nach 10,5 Semestern fertig und war damals noch sehr jung. Ich war mit 24 Jahren diplomiert und hab dann genau 3 Jahre im Graduiertenkolleg promoviert, d.h., dass ich mit 27 fertig mit der Physik-Promotion war.

Wie sah Dein Berufseinstieg aus?

Nach der Promotion hab ich mir gesagt „So jetzt reicht es mir. Ich muss aus dem Unibetrieb raus.“ Ich hab mich dann ein bisschen beworben. Ich glaube, ich habe in Summe 4 Bewerbungen geschrieben und hatte 3 Stellenangebote. Das war eine sehr gute Zeit.

Das ist auch ein Tipp, den ich Berufseinsteigern geben kann: Ich habe auch mein Netzwerk kontaktiert, Mentoring-Programme gab es so noch nicht, aber ich hatte natürlich durchaus auch ein Netzwerk aus Kollegen, die schon vor mir die Uni verlassen hatten.

Die Stelle, bei der ich angefangen habe, damals noch bei Siemens Halbleiter, war in einer Abteilung, in der ein ehemaliger Diplomand von mir eine Industriepromotion gemacht hat und mitkriegte „Oh, du suchst. Wir haben hier eine Stelle. Ich schicke dir das mal rüber.“ Er hat mir dann die Ausschreibung geschickt, mit der ich gar nicht viel anfangen konnte. Aber ich dachte mir „Na ja, schick ich mal einen Lebenslauf hin.“ Sie haben mich daraufhin eingeladen und das Gespräch war total nett. Und ich hab mir gedacht „Das klingt spannend.“ Die Firma hat mir ermöglicht auf einer bezahlten Stelle ein neues Thema zu erarbeiten.

Das Schöne daran war auch, dass es sehr universitätsnah war. Wir waren ein kleines Team, ungefähr 9 Leute, haben veröffentlicht, Patente geschrieben und sind auf Konferenzen gefahren. Es war in der Halbleiterphysik und es war fast eine PostDoc-Zeit in der Industrie. Das fand ich total spannend.

Mit dem Berufseinstieg bin ich von Hamburg nach München gezogen, weil es in Hamburg zu der Zeit für Physiker es sehr schwierig war, eine Stelle zu finden. Die Kollegen, die aus der Arbeitsgruppe in die Industrie gegangen sind, sind fast ausnahmslos entweder nach München oder nach Dresden gegangen.

Wie ging es nach dem Berufseinstieg weiter?

Vom Einstieg her war das relativ klassisch in einer Entwicklungsabteilung. Als Entwicklungsingenieurin hab ich mehr und mehr Aufgaben übernommen und habe nach ungefähr 4 Jahren ein Assessment Center für Projektmanagement gemacht. Das hatte ich bestanden und habe dann angefangen zu schauen, wie ich denn damit weiter meinen Job ausbauen kann. Ich habe im internen Stellenmarkt von Infineon eine Stelle in einem komplett anderen Bereich gefunden und bin dann auf eine Projektmanagement bzw. Programmmanagement-Stelle gewechselt. Das war fast wie ein Wechsel in eine neue Firma, weil ich kein Netzwerk in diesem Bereich hatte. Direkt Projektmanagement hatte ich vorher auch nicht gemacht. Thematisch war auch alles neu. Aber es hat funktioniert.

Was war Dein erstes Projekt? Oder ein Projekt, woran Du Dich am besten erinnern kannst?

Mein erstes Projekt, das war auch gleich ein neues Projekt, das es vorher nicht gab. Es war eine Plattform-Entwicklung für Speichermodule. Das war damals die nächste Technologie und nannte sich DDR3. Das sind die Speichermodule, die immer noch weit verbreitet sind. Die Plattform war dazu da, alle Entwicklungsaktivitäten so vorzubereiten, dass, wenn man die Halbleiterbausteine hat, dann zeitnah funktionierende Speichermodule für Computer hergestellt werden können.

So ein Projekt für Speichermodule war komplett neu. Ich habe die Projekt-Struktur aufgesetzt, Checklisten erstellt, Meilensteine definiert, in enger Abstimmung mit dem Projektteam. Das war sehr spannend.

Was hast Du in diesem Projekt gelernt oder hat Dich irgendwas überrascht?

Generell habe ich gelernt zu schwimmen, also einfach mit einem neuen Thema in einer neuen Organisation ins kalte Wasser geschmissen zu werden und es trotzdem zu schaffen, den Kopf über Wasser zu halten und das Ganze in der Zeit und mit dem vorgegebenen Budget zum Erfolg zu bringen, wie es geplant war.

Auch habe ich gelernt, dass der Erfolg eines Projektes bzw. auch eines Unternehmens nur im Team funktioniert. D.h. ich brauche hinter mir ein Team, das mitzieht und kreativ ist. Ein Projekt ist nie der Erfolg eines Einzelnen, sondern immer einer Gruppe von Menschen mit unterschiedlich gearteten Rollen.

Was war Dein nächster Karriereschritt?

Ich bin dann ins technische Marketing gewechselt und habe Entwicklungsprojekte mit unseren wichtigsten Kunden  geleitet. Nachdem ich ungefähr 9 Jahre bei Infineon bzw. Qimonda bei der Speichersparte gearbeitet hatte, habe ich die Abteilungsleitung für das Projektmanagement für Speichermodule übernommen. Leider nur für ein gutes Jahr, weil die Firma dann Insolvenz angemeldet hat. Das war ein bisschen schwierig, aber ich hatte schon vor der Insolvenz angefangen mich nach Alternativen umzuschauen. Wieder über mein Netzwerk, einem ehemaligen Kollegen von mir, bin ich bei der Firma Giesecke & Devrient gelandet, vor allem wegen der Methodenkompetenz im Projektmanagement. Ich bin wieder als Projektleiterin in den Bereich „Internationales Regierungsgeschäft“ eingestiegen.

Kannst Du das Unternehmen kurz beschreiben?

Giesecke & Devrient kommt ursprünglich aus dem Sicherheitsdruck, also Geld, Aktien, Wertpapiere usw. Der Bereich „Government Solutions“ ist ein neuerer Bereich der Firma. Wir stellen  Identitätsdokumente her, also ID-Karten, Reisepässe, Führerscheine, elektronische Fahrzeugscheine usw., sowie die korrespondierenden Systeme.

Was interessant ist, ist, dass ich wieder eine ähnliche Entwicklung gemacht habe wie damals bei Infineon und Qimonda. Ich habe 3 Jahre Projekte geleitet, dann wieder anderthalb Jahre eine Art technisches Marketing und habe mich um unser Portfolio für das Segment Reisepässe gekümmert. Seit knapp 2 Jahren bin ich jetzt zurück und leite die Abteilung für Projektmanagement. In meinem Team sind inzwischen 10 Projektmanager. Wir verantworten die weltweite Umsetzung unserer Projekte.

Gehören auch Flughäfen zu Euren Kunden?

Indirekt ja, beispielsweise bauen wir gerade Bordercontrollsysteme auf, die dann an internationalen Flughäfen der beauftragenden Länder installiert werden.

Was findest Du an Deinem aktuellen Beruf spannend?

Ich finde es ist einfach eine tolle Mischung. Ich arbeite mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammen. Das  macht mir sehr viel Spaß. Und es ist auch das Schöne, was eine Karriere als Projektmanager oder auch in meiner Funktion hergibt. Das ist nicht der Job, bei dem man im stillen Kämmerlein in Cordhose und karierter Bluse sitzt, wie man sich den klassischen Physiker bzw. die klassische Physikerin vorstellt, sondern es ist ein hochkommunikativer Job. Dabei muss man schauen „Wie arbeiten die Leute? Wie setze ich sie optimal ein? Wie kann ich sie fördern? Wo sind Stärken / Schwächen? Was macht ihnen Spaß? Wo wollen sie hin?“ Das ist eine tolle Herausforderung. Das ist die interne Komponente.

In dem internationalen Regierungsgeschäft habe ich, wie der Name schon sagt, eine sehr hohe Internationalität. Man kommt mit Kulturen und Menschen in Verbindung, die man vorher nicht kannte.

In unseren Projekten ergeben sich oftmals Kontakte zu den Kunden über die Projekte hinaus. Das ist dann auch toll, wenn sich darüber ein langjähriges Beziehungsnetzwerk ergibt.

Hast Du noch Tipps für das Studium oder den Berufseinstieg?

Ich habe immer geschaut, was mir Spaß macht. Es ist wichtig, nicht nur zu schauen, welches Feld gerade total hipp ist und vermeintlich tolle Zukunftsaussichten verspricht. Denn diese Felder können sich ganz anders entwickeln als gedacht.

Bei mir gab es zwar noch kein Mentoring-Programm, aber ich habe immer sehr stark mein Netzwerk gepflegt und auch Kontakt zu ehemaligen Kollegen und Kolleginnen gehalten. Darüber kann man auch gut herausfinden, welche Themen oder Abteilungen interessant sind  und wo man besser nicht hingehen sollte. Außerdem bekommt man einen Einblick, den man als klassischer Bewerber oder Bewerberin üblicherweise nicht bekommt. Die meisten Firmen präsentieren sich immer sehr sonnig, wenn man sich bewirbt.

Für mich war es auch gut, auf den Bauch zu hören im Sinne von „Wo fühle ich mich wohl? Wo finde ich die Leute sympathisch?“. Nur ein Umfeld, wo man sich wohlfühlt oder was auch einem selbst gegenüber positiv gesonnen ist, ist dann auch ein Umfeld, in dem man sich weiterentwickeln kann.

Auch ist es wichtig, nach links und rechts zu schauen. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich nicht nur auf einer reinen Fachkarriere unterwegs bin. Die Methodenkompetenz hat mir damals in der Insolvenz sehr geholfen, schnell wieder eine neue Stelle zu finden.

Was mir auch immer weitergeholfen hat, ist die Lust auf etwas Neues. Also sich auch auf neue Themen einlassen und den Mut dazu zu haben. Das ist eine Kompetenz, die durch ein Physikstudium extrem gut ausgeprägt wird: Dass man es schafft, dass man sich das zutraut, dass man schnell in technische Themen reinkommt und sich strukturiert neue Felder erarbeitet. Einer meiner Chefs hat einmal gesagt, dass es total praktisch wäre mit mir. Man könnte mich überall reinschmeißen und es würde was Sinnvolles bei rauskommen.

 

Vielen Dank für Deine Zeit, das tolle Interview, die Tipps und Einblicke in Dein Berufsleben.

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